Das KGGZ

Lebendiges Denkmal für 13 Millionen Kinder

„Wissen Sie, dass ich heute zum ersten Mal seit dem Kriegsende wieder deutsch gesprochen habe?

Die alte polnische Dame fängt an zu weinen, als sie das sagt. Eigentlich hatte sie sich geschworen, nie wieder deutsch zu sprechen, nachdem ihre gesamte Familie im Konzentrationslager umgebracht wurde. Nun tut sie es doch – zögernd, stockend, dann immer flüssiger. Sie übersetzt das Gespräch zwischen polnischen und deutschen Frauen im Kindergedächtnis-und Gesundheitszentrum (KGGZ) in Warschau.

1973 wurde das KGGZ in Warschau gebaut, finanziert wurde der Aufbau mit Spenden aus Polen und anderen Ländern.

Auch aus der DDR kam Unterstützung, so vom Bund der Evangelischen Kirchen und der Evangelischen Frauenhilfe in der DDR. Die Idee, dieses Krankenhaus zu bauen, hatte die polnische Schriftstellerin Ewa Szelburg-Zarebina. Junges Leben sollte hier unterstützt und erhalten werden, in Gedenken an die etwa 13 Millionen Kinder, die im Zweiten Weltkrieg starben und umgebracht wurden, über 2 Millionen waren es allein in Polen. 1977 kommen die ersten kleinen Patienten in die Poliklinik des KGGZ, heute stehen dort etwa 600 Betten für schwerkranke polnische Kinder zur Verfügung. 18.000 Kinder aus allen Landesteilen Polens werden hier jährlich stationär behandelt. Ein Elternhotel ist dem Krankenhaus angegliedert, hier können die Mütter und Väter wohnen und werden an der Therapie beteiligt, denn sie müssen später die Therapien ihrer Kinder in den Heimatorten weiterführen.

„Als ich zum ersten Mal hier im Kinderkrankenhaus war, wäre ich am liebsten wieder davon gelaufen“, sagt Ilona Eisner, selbst Mutter von 4 Kindern.

„Kahlgeschorene Köpfe, bleiche, gelbliche, eingefallene, aufgedunsene Gesichter. An Infusionsflaschen Gefesselte, in Rollstühlen sitzend, schwerst Behinderte, Wachkoma-Patienten – und alles Kinder. Das ist kaum zu ertragen.“

Frauen aus Deutschland fuhren seit 1987 jeden Sommer nach Warschau und arbeiteten ehrenamtlich im KGGZ. Sie betreuten die kranken Kinder und halfen, den Krankenhausgarten in Ordnung zu halten. Aber auch Begegnungen mit Gemeinden der Evangelischen Kirchen in Polen standen auf dem Programm. Initiiert wurde diese Versöhnungsarbeit vom Bund der Kirchen in der DDR, auch die Evangelische Frauenhilfe der DDR beteiligte sich daran. Der Bundesverband Evangelische Frauen in Deutschland e.V. (EFiD) führte diese Arbeit bis 2015 fort. Finanziert wurde sie ausschließlich über Spenden.

 

„Versöhnung heißt, Verständnis füreinander aufzubauen, Kontakt und Vertrauen aufzubauen, gemeinsam etwas zu tun.“

So beschreibt Ilona Helena Eisner, ehemaliges Präsidiumsmitglied der EFiD, die Arbeit in Polen. Ob denn Versöhnungsarbeit noch zeitgemäß sei, frage man sie oft, sagt Eisner. Ob es nicht viel passender wäre, von „Partnerschaft“ oder „guter Nachbarschaft“ zu sprechen. „Aber nach Begegnungen wie denen mit der alten polnischen Dame, die seit Jahrzehnten kein Wort Deutsch mehr gesprochen hat, wird deutlich, wie wichtig unsere Arbeit für ein gutes Verhältnis zwischen Polen und Deutschland ist. Frieden in Europa kann nur dauerhaft gesichert werden, wenn wir die Geschichte und die Erinnerung daran lebendig erhalten.“

Die Versöhner_innen.