Maria Aniotkowska, Ewa Rogosz und Barbara Horbacz – das Gartenteam

Nachschauen, ob schon die ersten Halme sprießen

Ich, Maria Aniotkowska, arbeite seit 1978 im Kinderkrankenhaus, Barbara Horbacz seit 1979 und Ewa Rogosz seit 1987.
Barbara und ich haben zuerst die Jugendgruppen aus der DDR hier kennengelernt. Sie haben bei uns im Garten mitgearbeitet. Das war immer eine große Freude. Egal, wie schwer die Arbeit und oder wie das Wetter war, sie hatten Spaß am Arbeiten, sie beklagten sich nie und waren sehr engagiert. In einem Jahr säten sie Gras in einem Innenhof aus und gingen jeden Tag gießen und nachschauen, ob schon die ersten Halme sprießen.
In der Arbeitspause am Vormittag haben wir zusammen gesessen und versucht, miteinander zu reden – mit Händen und Füßen und Wörterbuch.

 

Auch die Frauen waren kaum zu bremsen

Als dann die Frauengruppen kamen, war das von der Arbeitseinstellung her genauso wie bei den Jugendlichen. Sie waren sehr motiviert, engagiert und kaum zu bremsen.
Wir waren sehr erstaunt, dass sie ihren Urlaub nahmen, um ohne Geld in unserem Krankenhaus zu arbeiten. In den ersten Jahren kamen viele Frauen, die noch arbeiteten; erst später waren es mehr Rentnerinnen.
In Polen hat die freiwillige Arbeit keinen guten Ruf. Das kommt noch aus der kommunistischen Zeit, als es ein Zwang war, am Wochenende „freiwillig“ zu arbeiten. So war es für die polnische Seite eine große Überraschung, dass diese Frauen einfach so herkamen und hier bei uns mitarbeiteten.
Organisiert war das so, dass wir uns morgens und in der Pause alle zusammen trafen. Ansonsten arbeiteten die Frauen selbständig. Sie hatten auch einen eigenen Schlüssel für den Geräteschuppen, denn schon vom zweiten Tag an wussten sie Bescheid. Viele hatten selbst zu Hause einen Garten und kannten sich mit Gartenarbeit aus.
Für uns war das immer eine große Hilfe. Mit den Jugend- und den Frauengruppen kamen in manchen Jahren bis zu acht Wochen lang Helfer für uns. Ab Mitte der 1990er Jahre war es dann nur noch eine Gruppe für zwei Wochen. Das war schon zu merken.
Sehr interessant war es für uns, wenn die Frauen von sich und ihren Gründen erzählten warum sie nach Warschau gekommen sind. Manchmal waren es Frauen, die in Polen ihre Kindheit verbracht hatten und dann mit ihren Familien vertrieben wurden. Mit einer Frau sind wir einmal am Wochenende in ihr Heimatdorf gefahren, in dem sie 1944 geboren wurde. Sie war nie wieder dort gewesen, und es wurde eine sehr emotionale Reise. Das hat auch uns bewegt.
Wir haben auch beobachtet, was die Frauen in ihrer Freizeit gemacht haben. Sie sind zum Beispiel in eine KZ-Gedenkstätte gefahren. Meist war das in der Mitte des Aufenthalts – und da war eine Veränderung bei ihnen zu spüren. Manchmal haben wir auch darüber geredet.

 

Sie sind wirklich zur Sühne hierhergekommen, um etwas gut zu machen.

Wir haben gewusst, dass es für die Frauen ein Versöhnungseinsatz war. Und das haben wir auch sehr gut verstanden. Das persönliche Kennenlernen bei der Arbeit, das Reden über Wichtiges und Unwichtiges, über Blümchen und Geschichte, das war die beste Möglichkeit für Versöhnung zwischen unseren Völkern.

Ich, Ewa, hatte vorher viele Bücher über den 2. Weltkrieg gelesen, und darin wurden die Deutschen natürlich sehr schlecht dargestellt. Als ich dann das erste Mal die Jugendlichen hier im Haus habe Deutsch sprechen hören, habe ich mich gewundert, dass es gar nicht so furchtbar klang, wie ich gedacht hatte. Und die Menschen selbst waren offen und nett. Das hat mein Bild verändert.
Ganz besonders wichtig war für mich die Begegnung mit Ilona 1und Luise2, mit denen ich mich sehr gut verstanden habe. Eines Tages haben sie mich zu Hause besucht, wir haben zusammen gekocht und gegessen, und es war ein unvergesslicher Abend. Ich wusste, dass Ilona schon etwas geschrieben und veröffentlicht hatte, Luise war Theologin und ich eine einfache Gärtnerin. Aber es war so schön.

 

Ich, Barbara, habe noch einmal viel über die Geschichte Deutschlands und Polens gelernt. Ich hatte gar nicht gewusst, dass im 17./18. Jahrhundert Deutsche hier in Polen gesiedelt hatten. Wir haben solche Sachen nicht in der Schule gelernt. Auch über den deutschen Widerstand gegen die Nazis haben wir nichts erfahren, und das Attentat auf Hitler am 20. Juli 1944 wurde in unserem Geschichtsunterricht als kleine Randnotiz mitgeteilt, als wäre es ein Zufall gewesen.
Aber ich war schon häufig in Deutschland gewesen und kannte dort viele persönlich. Ich wusste, dass sie so sind wie wir. Außerdem weiß ich, wie es ist, vertrieben zu werden aus der Heimat. Meine Familie stammt aus dem Osten Polens, das heute ukrainisch ist. Wir wurden von dort verjagt.

Ich, Maria, habe immer große Ressentiments gegen Deutschland gehabt. Es hat etwas damit zu tun, dass besonders mein Vater, aber auch meine Mutter Schreckliches im 2. Weltkrieg erlebt hatten. Jetzt sind meine Eltern alt und gehen mit ihren Gedanken oft zurück in die Vergangenheit. Dann kommt alles wieder hoch. Ich kann das nicht vergessen und trage es wie eine Last mit mir herum. Obwohl ich mit den Jugendlichen und den Frauen nur gute Erfahrungen gemacht habe, kann ich diese Last nicht ablegen.
Mit einigen Frauen verbinde ich besondere Erinnerungen. Zum Beispiel mit Eugenia, die hier in Polen geboren war und die ich begleitet habe bei ihrer Reise in ihr Heimatdorf. Oder auch eine Ruth, die einige Male hier war. Später besuchte sie jedes Jahr Freunde in Polen, und immer kam sie an einem Tag hier bei uns vorbei. Auch als sie krank wurde, kam sie, zu Schluss sogar mit dem Rollstuhl. Das hat mich sehr gefreut und gerührt.

 

Für uns war es in jedem Jahr eine besondere Zeit

In den letzten Jahren kamen auch sehr junge Frauen in den Gruppen mit. Die hatten ein ganz anderes Verständnis von diesen Einsätzen. Obwohl sie die Geschichte auch kannten – sie schauten weniger zurück, sie schauten nach vorn. Sie sprachen auch nicht über Schuld und Sühne. Sie sind eine andere Generation. Sie waren sehr nett und sympathisch – hatten aber eine ganz andere Motivation.
Für uns war es in jedem Jahr eine Freude, die Frauen aus Deutschland bei uns zu haben, eine besondere Zeit.

 


 

  1. Ilona Eisner, Leiterin von vier Einsätzen (2006-2009)
  2. Luise Metzler, Teilnehmerin mehrerer Einsätze
Die Versöhner_innen.